Weinverkostung – ein Versuch

  • Wie verkostet eine Foodfetishista, wie ich, die bestenfalls Weingeniesserin, aber alles andere als eine Weinexpertin ist, Wein?
  • Und wie mache ich das, und wie dann, wenn es zudem um ECOVIN geht?
  • Warum tue ich das eigentlich?
2010 Weisser Burgunder, Uelversheimer Tafelstein,

Die letzte Frage beantwortet sich am leichtesten: Weil ich genug Spass am Experiment und an der Lust, auch Ungewohntes auszuprobieren schon von Food und sonst vom Naturell mitbringe, die Neugier, immer wieder Neues zu entdecken und auszuprobieren, um dazuzulernen und kennenzulernen. Und auf einen leichtsinnigen Experten traf, der die Gelegenheit dazu trotzdem auch an mich vergab. (Ich hoffe, es wird Dirk Würtz  nicht leid tun).

Die einzige wirkliche halbwegs rational-sachliche Rechtfertigung, die ich bieten kann, ist:

Es sind immer die Fische,

denen der Wurm schmecken muss,

nicht dem Angler.

Bei Wein mit dem Unterschied: Bei den Winzern, Weinbauern und Weingütern sind es – da habe ich bei der dazu erforderlichen Passion, ohne die dieser Beruf dazu gar nicht denkbar ist – keinen Zweifel daran, dass der spruchwörtliche Wurm, der Wein eben, zuallererst dem “Angler” im Vergleichsbild schmecken muss. Und wird. Um ihn auch mit Leidenschaft für sein Produkt an den Mann zu bringen. Überzeugend. Dem – oder der, in meinem Fall – er dann schmecken muss. Denn ohne denjenigen, der ihn – Experte oder nicht – dann kauft, trinkt, geniesst und gern wieder geniessen mag, ginge es nicht. (Eh voilà – hier bin ich, der Laie par excellence und wer im Folgenden professionelle Beschreibung und Verkostung vermisst, möge es mir daher verzeihen). Danke Dirk, für die Auswahl in die Runde und an das Weingut Neumer, von denen diese Weine stammen, die – das darf ich vorweg nehmen – mit Vergnügen verkostet wurden. Das Weingut Neumer in der Region Rheinhessen hat eine Betriebsgrösse von 30 Hektar und gehört den Anbauverband ECOVIN an. Es wurde durch die GfRS, Göttingen, zertifiziert und von Lucia und Hubertus Weinmann geführt mit einem Schwerpunkt der klassischen Rebsorten der Burgunderfamilie und Riesling. Von denen ich drei testen durfte.

Das waren:
1.
2010 Weisser Burgunder, Uelversheimer Tafelstein, Deutscher Qualitätswein, trocken, (5,30€)

2.
2010 Riesling, Uelversheimer Tafelstein, Deutscher Qualitätswein, trocken (5,30€)

3.
2010 Riesling, Gau-Odernheimer Oelberg, Deutscher Qualitätswein,trocken  (7,00€)

Alkoholgehalt: 12,5 % Vol.

Entgegen meinem sonst üblichem Vorgehen, wenn ich über etwas schreibe oder etwas verkoste oder etwas als Produkt teste,  habe ich diesmal nicht erst recherchiert und mich – in diesem Fall über Weingut und Weine und die zu testenden Weine – kundig gemacht. Das läge zwar nahe, wenn man – auch – beim Testen vergleichen will, ob und inwieweit die Beschreibung von Produkt und Herstellung und die Bewertung durch den Produzenten oder Dritte (Expertenmeinungen) in Einklang mit dem steht, was man selbst dann beim Probieren dazu feststellt. Wenn aber – wie hier in meinem Fall – schon Laie und reiner “Genuss-Verkoster” , dann sollte es auch wirklich ganz unbefangen erfolgen. Ohne sich mehr oder weniger unbewusst dann von Meinungen und Beschreibungen von Kennern und Experten vorweg beeinflussen zu lassen. Eine “unfachliche”  Blindverkostung quasi. In mehrfacher Hinsicht  ;-)

Die Recherche folgte dann (klar muss die auch sein) trotzdem, aber nach dem ersten Verkostungsversuch. Und nachdem ich mir dabei eine Meinung gebildet hatte. Und ein zweiter Verkostungsversuch dann -dann im Vergleich mit dem, was anhand der recherchierbaren Informationen verfügbar war – anschliessend.

Was ich nicht gemacht habe – nicht mal im Ansatz versucht oder gesucht, wie Experten und nach welchen Begriffen und Definitionen und Bedingungen Weine verkosten. Das kann ich eh nicht. Es würde mich zudem fatal an jemanden erinnern, der in seinem Bücherregal diverse Weinfachbücher stehen hatte, die bei mir – deren  Blick  innerhalb der ersten 30 Minuten  in fremden Räumen unweigerlich auf Bücherregalen landet – den Eindruck entstehen liess, dass derjenige eben auch das Vergnügen an gutem Wein mit fachlichem Wissen zu unterfüttern versuche. Es kann eine irritierende Erfahrung sein, im Laufe der Zeit festzustellen, dass weder fachliche Lektüre noch genussvolles Verkosten und Trinken von Wein noch beides einander ergänzend am Ende mehr Urteilsvermögen bewirken, als die Tendenz der Wahl des teureren Weins, weil dieser als qualitativ hochwertiger angesehen und (jupp, man wundert sich nicht) sogar als besser “herausgeschmeckt” wird.

Vor derlei sind Sie hier sicher. Ich bin unbefangen und kompetenzfrei genug, einfach nur zu beurteilen, was mir mundet.  Und habe dabei schon die wunderbarsten italienischen Rotweine für kleines Geld gekapert, die andere wegen des “Kann für den Preis kein hochwertiger Wein sein” stehen gelassen hatten, während ich die Weine nach Gusto grandios fand. ;-) [Und die gleichen, die ihn stehen gelassen hatten und hätten, tranken ihn an meiner Tafel Monate später und hätten mir den Wein für das Mehrfache des Preises abkaufen wollen.] Mehr als was ich geschmacklich selbst mag, kann ich Ihnen also nicht liefern.

(Höchstens  noch die Rezepte zu…und mit den verkosteten Weinen….. ja, auch letzteres…. das musste einfach ausprobiert werden).

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Die Verkostung wurde bei einer Temperatur von ca 9°-10° begonnen, die im Rahmen der für die Weine empfehlenswerten Temperatur von 8-10° liegt. Ich höre oft von einer Weintemperatur von 6-8° für Weissweine, muss aber gestehen, dass sie mir dann (auch im Sommer) zu kühl sind,…. um sie zu geniessen. Und ihren Geschmack. Anyway – darüber mögen Experten bessere Fähigkeiten zur Beurteilung der idealen Temperatur dieser drei wie anderer Weissweine haben.
Im Weinkühler lässt sich die Temperatur weitgehend zwar auch bei Tisch mit den Gästen (und Mitverkostern) halten. Ich falle hier allerdings wie immer mal wieder aus der Reihe, denn ich trinke im Verlaufe eines Abends oder Essens so langsam und selten mehr als ein Glas Wein. So dass die Temperatur des Weins sich natürlich verändert, bis jedenfalls auch ich meinen Wein dann getrunken habe. Bei Rotweinen, die ich mag, ist das nicht nur nicht schlimm, sondern sogar nicht selten von Vorteil. Bei Weissweinen macht es für mich dagegen nicht selten einen Unterschied im Genuss für mich aus. Bei den drei hier verkosteten Weinen war das nicht der Fall und am angenehmsten war dabei für mich sowhohl bei der Idealtemperatur als auch nach 30 Minuten der Weissburgunder. Dieser hat sich auch in den übrigen Kriterien für mich persönlich als Favorit der drei erwiesen.

Farblich habe ich bei den drei Weinen als Laie kaum, allenfalls marginale Unterschiede der hellen, klaren Farbe im Glas wahrgenommen, die beiden Riesling minimal heller.

Im Duft, der weich und fruchtig für mich war, hätte ich beim Weissburgunder eher einen etwas lieblicheren Geschmack anschliessend erwartet. Ähnlich beim Uelversheimer Tafelstein. Während der Gau-Odernheimer Oelberg schon im Duft ein wenig “trockeneren” Geschmack vermuten liess. Normalerweise würde ich persönlich dann eher diese nach dem Duft wählen, also den Gau-Odernheimer Oelberg. Die Geschmacksverkostung führte aber zu einem anderen Ergebnis, was dann die Rangfolge der drei für meine persönliche Vorlieben betrifft.

So fand ich schon im Verlgeich des Uelversheimer Tafelstein mit dem Gau-Odernheimer Oelberg diesen wenig intensiv im Geschmack, ein klein wenig herber, jenen weicher. Völlig überraschend war für mich aber der Weissburgunder, der obwohl ich ihn – üblicherweise und spontan im ersten Moment – als zu lieblich für mich persönlich eingeschätzt hätte, eine weiche, angenehme und fruchtige Frische zeigte, die ihn zum Favoriten machte. Legen Sie mich bitte nicht auf die exakte Beschreibung einer konkreten Frucht fest, den ich dabei als Note herausschmecken würde. Beim Weissburgunder würde ich am ehesten vielleicht an das Aroma von Birnen denken. Den Weissburgunder kann ich mir am idealsten zum Essen (und dabei zu allerlei Ideen, wozu er passen könnte) vorstellen, wie auch einfach als Wein, den man in netter Runde pur oder mit nur kleinen go-alongs und Häppchen zum Plaudern vorstellen kann. Nicht nur klassischerweise im Sommer.

Bei den beiden anderen, Uelversheimer Tafelstein und Gau-Odernheimer Oelberg stellte sich unwillkürlich das Bedürfnis der Kombination mit Begleitung kulinarischer Art ein, bei der eine Vielfalt von Möglichkeiten geschmacklich perfekt harmonieren würde. Sie einfach nur pur zu trinken eher nicht. Da kitzelt es den Gaumen eher nach Begleitung: Angefangen von hausgemachten würzigen Klein- und Knabbergebäcken aus Strudel- Blätter- oder Käsegebäck mit Kräutern oder Gewürzen, solo oder mit marinierten Antipasti, Oliven oder Trauben. Über Häppchen aller Art über leichte Fischgerichte hin, Salaten, Zu Reis und Reisgerichten, leichtem Gemüse, Tartes und würzigen Quiches oder Pastet(ch)en, vegetarisch wie nichtvegetarisch, ebenso wie zu Gerichten, in denen klassischen hessische, rheinhessische oder pfälzische Gerichte auf eher leichte, frische Weise interpretiert dazu passen würden. Bis hin zu nicht süssen, sondern “nichtsüssen” Desserts, von Käse über Rosmarin Crème Brulée und ähnliche oder andere Ideen.

Während der Weissburgunder mit allen diesen Ideen ebenfalls sehr gut denkbar ist, gefällt er mir aber am besten unter diesen dreien auch pur. Ganz pur. Für mich in der Vorliebe für trockene Weine und eine leichte Säure, aber auch der Präferenz für weichere, (öligere?), fruchtigere und intensivere Note der Favorit. “Die Vanille” unter den dreien für mich vom Geschmack, soll heissen: Weich, … ein wenig “seidiger” im Geschmack bleibend, leicht, angenehm, fruchtig, nicht zu lieblich, nur eine leicht herbe Note im “Hintergrund”.

Alle drei haben eine angenehme, leicht prickelnde Frische mit leicht divergierender Säure (in der obigen Reihenfolge nach meinem persönlichen Geschmack von Nr. 1 bis Nr.3 hin zunehmend), die ich aber bei allen dreien als angenehm empfinde.

Mein Favorit im Gesamtergebnis war der Weissburgunder. Für mich nicht überraschend, dass es auch nicht zwingend der teurere der drei war.

Zuletzt noch ein paar Infos zur Herkunft der verkosteten Weine:

Das Weingut Neumer wird von Lucia und Hubertus Weinmann geführt, über Lucia Weinmann, geb. Neumer inzwischen in der 13. generation, die bis in das Jahr 1648 zurückreicht. Seit 1992 – also nach dem letzten Generationswechsel – wirtschaften sie ökologisch und gehören dem Bundesverband Ökologischer Weinbau an und arbeiten nach eigenen Angaben nach den strengen Richtlinien des Verbandes im Weinberg und im Keller. Mit den Söhnen Theo, Paul und Felix ist die Fortsetzung bis in die 14. Generation offenkundig bereits gesichert. Mehr über die Geschichte der Familie, des Weinguts und der Ziele und des Qualitätsanspruches findet man auf der sehr schön und interessant wie übersichtlich gestalteten Website der Familie und des Weingutes.

Dem Weingut Neumer wurde während der Biofach 2011 als weltweit erstes nachhaltig wirtschaftendes Weingut das FairChoice Zertifikat überreicht. Dazu haben sie sich folgendermassen geäussert:

“Nachhaltiges Wirtschaften liegt uns am Herzen, weil es unseren Anspruch an unseren Umgang mit Mensch und Natur widerspiegelt: respektvoll und umsichtig. Wir bewirtschaften unser Weingut seit nunmehr 20 Jahren ökologisch und sind langjähriges ECOVIN-Mitglied. Wir engagieren uns in unserer regionalen Struktur und unterstützen eine aktive Dorfgemeinschaft. Die ökonomische Weiterentwicklung unseres Betriebs für eine zukunftsfähige Bewirtschaftungsgrundlage war und ist uns ebenso wichtig – wir haben eine Familientradition, die wir auch weiterführen möchten. Unsere Söhne sollen die Möglichkeit haben, einen Betrieb zu übernehmen, der ihnen eine gute Lebensgrundlage bietet.

An der FairChoice-Zertifizierung haben wir als Pilotbetrieb teilgenommen, weil es uns geholfen hat, weitere Entwicklungspotentiale des Betriebs im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung zu erkennen und unser Bemühen darum auch messbar zu dokumentieren. Dazu dient unter anderem auch der unten erwähnte Nachhaltigkeitsbericht.

Wir möchten damit einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Gesamtentwicklung und zu einer seriösen Diskussion des Themas Nachhaltigkeit in der Weinbranche leisten.

Damit die uns folgenden Generationen noch genauso viel Freude am Weinbau erfahren können, wie wir sie täglich erleben.”

Den kommpletten Nachhaltigkeitsbericht des  Weingutes können Sie hier als PDF herunterladen. Und hier   den CO2-Bericht für Sie zum Download, auch ein PDF-Dokument: CO2-Bericht.

Informationen zum Prüfverfahren unter www.fairchoice.info

Neben der Verkostung der drei Weine war der Versuchung nicht zu widerstehen, sie auch für kulinarische erste Kostproben zu verwenden.  Zum einen für eine Blätterteig-Tasche mit einer bewusst etwas würzigen Ziegenfrischkäse-Kräuter-Füllung an einer Safran-Kresse-Sauce bei welcher ein Schuss des (meinem Geschmacksempfinden nach)  etwas “herberen” Riesling, Gau-Odernheimer Oelberg hinzugefügt wurde. Bei dem gebratenen Doradenfilet “Back 2 the Roots” mit verschiedenen nur blanchierten Streifen von hellcremigweissgelben und klassischen Karotten, Petersilienwurzel , Kräutern und Lauch wurde ein Schuss des  Weissburgunder, Uelversheimer Tafelstein für die Safran-Vanille-Sauce mit Kräutern verwendet. Intuitiv bei beiden Gerichten die richtige Wahl – und absolut etwas für Wiederholungstaten (und weitere Rezepte, die schon in der “Pipeline” der Erprobung harren). Absolut auch etwas für Wiederholungstaten – das gilt aber vor allem auch für die drei Weine selbst.