Brot.Zeit: Butter, Brot, Glück II

Butter.Brot.Glück © Liz Collet
Butter.Brot.Glück © Liz Collet

Brot wird bei mir – naturellement – von Hand geschnitten. Nicht geschnitten gekauft. Nicht mit einer Brotschneidemaschine geschnitten. Es gab eine Brotschneide”maschine” mit einer Handkurbel bei meinen Großeltern, sie war an jenem Küchentisch am Ostfenster der Wohnküche neben dem einen der beiden Küchenöfen, dem Gasofen, fest montiert. 

Gegessen wurde an einem anderen Tisch, der vor dem Nordfenster mit der Eckbank stand.

Aber an diesem Tisch am Ostfenster wurde geschnitten, Gemüse geputzt, Kartoffeln geschält und zu Knödln verarbeitet, Teig für Dampfnudeln und Rohrnudeln und Strudel zubereitet und vieles anderes mehr. Nach dem Kochen standen auf diesem Küchentisch zwei Zinkschüsseln, die eine mit Wasser gefüllt, in denen meine Grossmutter jahrzehntelang den Aufwasch erledigte, weil es in jener Wohnung keine Spüle oder fliessend Wasser in der Küche gab. Und während man dort arbeitete, sah man aus dem Fenster und am Fenster auf die Amaryllis-Blüten, welche mein Großvater züchtete und kreuzte. Und von denen auch ich Zwiebeln bekam und gleiches von ihm lernte.

Wenn nicht an dem Tisch für Essen oder nach dem Essen gewerkelt wurde, saß er auf einem Hocker an diesem Tisch und schnitzte Figuren und reparierte allerlei selbst.

Manchmal sass ich dann bei ihm, an der schmalen Seite des Küchentisches und neben der Brotschneidemaschine an der dortigen Tischseite und sah ihm zu, wie er konzentriert den Kopf mit dem weiss gewordenem Haar über die Arbeit senkte und nur hie und da etwas dazu sagte, was er tat, wenn ihm etwas wichtig schien, das ich über diese Arbeiten wissen müsse. Oder sonst mit mir redete, worüber Grossväter mit ihren Enkelinnen so reden. 

Wir musste nie viel reden, aber beim Reden wie beim Schweigen wurde uns nie die Zeit lang oder gar langweilig. Er brachte mir bei, dass es wichtig sein mochte, Menschen zu kennen, mit denen man reden könnte. Wichtiger aber noch oft, solche zu kennen, die auch mal’s Maul halten könnten.

Am wenigsten mussten wir reden beim Schachspielen, das auch an eben diesem Tisch stattfand und bis nach Einbruch der Dämmerung und bis zum Anschüren den zweiten, des Holzkohlenofens dauern konnte. Und fortdauerte, während im Kohlenofen über Holzscheiten und Briketts die “Feuermandl” tanzten. Und darüber und über anderes Geschichten erzählt wurden. Wenn wir Hunger bekamen, schnitt mein Grossvater Brot von einem Laib, den er sich vor die Brust hielt und von dem er mit einem Messer die Scheiben auf eine Weise zu sich hin schnitt, die ich zwar auch lernte, aber meinem Sohn lieber niemals beibringen würde. Aber auch meine Mutter konnte so das Brot schneiden – auch wenn sie es fast immer mit einer bei ihr dann schon elektrischen Brotschneidemaschine tat. Trotzdem gab es bei meinen Großeltern und ihr die nette Redensart, die wohl wie viele Geschichten “von früher” stammte. Und lautete, dass man nicht heiraten dürfe, solange man kein Brot schneiden können. Womit natürlich gemeint war, Brot in gleichmässige Scheiben schneiden zu können.

Bis in meine Referendarzeit hatte ich nicht vor, je zu heiraten. Aber das machte ja nicht unwichtiger, sein eigenes Brot und das gut schneiden zu können, nicht wahr? Schon bei meinen Grosseltern lernte ich es, das Brot zu schneiden und als ich neben der Schule in einer Bäckerei zu arbeiten anfing, beherrschte ich es längst so gut, dass das Halbieren von Broten, von denen auch Hälften verkauft wurden, grundsätzlich immer mir aufgetragen wurde von allen Kolleginnen. Denen es erst Staunen, dann grösstes Vergnügen war, dass ich Brote auf’s Gramm genau zu halbieren verstand. So dass sie sich schnell darauf verlegten, sich mit den (manchmal schwierigeren der) Kunden einen Spass zu machen, welche immer gern die (angeblich) grössere Brothälfte beanspruchten. Es gab und gibt immer Kunden, die sich beschummelt geglaubt hätten, wenn man nicht nachwog und sie meinten, sie bekämen die kleinere und ein anderer, glücklicherer Kunde die grössere Hälfte für den gleichen Preis. Bei solchen Kunden war es den Kolleginnen immer eine besondere Gaudi, die Kunden “ihre” Hälfte wählen zu lassen und dann schmunzelnd die von mir geteilten Brote vor deren Augen nachzuwiegen. Es menschelt halt überall. Und ich war eh damit zufrieden, wenn alle sich gleich gerecht behandelt fühlen konnten und zufrieden damit waren. Und schnitt Brot um Brot daher gern auf’s Gramm genau in Hälften.
Und das Brot für Brotzeit per Hand in Scheiben. Nicht schief, nicht zu dick. Sondern schön gerade und gleichmässig und so dick oder dünn, wie gewünscht und gebraucht.

Butter.Brot.Glück © Liz Collet
Butter.Brot.Glück © Liz Collet

Geheiratet habe ich dann – in meiner Referendarzeit – doch. Man soll halt niemals nie sagen. Nie….ist einfach eine zu lange Zeit für die Fähigkeit des Menschen, vorauszusehen, was da seines Weges kommt.

Eine Brotschneidemaschine habe ich nur aus dem Grund eine Zeitlang mal liebäugelnd ins Auge gefasst für denselben Zweck, für den meine Grosseltern sie gern nutzten: Um Salami und Schinken damit hauchdünn schneiden zu können, auch wenn diese – wie bei uns gang und gäbe – luftgetrocknet oder geräuchert und wochenlang aufgehängt hart und weiter lufttrocknend immer härter wurde. So dass man hin und wieder diese ganz gern mit der handgekurbelten Brotschneidemaschine aufschnitt.

Aber auch nur und erst, wenn diese schon sehr sehr “luftgereift hart” waren. Und selbst das, sie auch dann noch mit einem guten Messer mit der Hand aufzuschneiden, Salami wie Schinken, auch das lernte ich. Bevor ich mir dann je eine Maschine dafür kaufen musste. Wenn ich einmmal selbst Grossmutter werden sollte oder so alt, dass ich zwar auf gutes Brot und Salami und Schinken nicht verzichten werde wollen, aber aus welchen Gründen auch immer meine Hand oder Hände mit dem Messer nicht mehr so geschickt sein werden, werde ich über eine Brotschneidemaschine vielleicht doch noch einmal nachdenken. Vielleicht eine mit einer hübschen Kurbel. Ich kurbel gern. Dinge an. Und an Dingen herum. Und liebe mechanische Dinge. Für die ich darüber hinaus auch keine Steckdose und Strom brauche.

Butter.Brot.Glück © Liz Collet
Butter.Brot.Glück © Liz Collet

Noch etwas anderes kann man beim Brotschneiden lernen. Für Butterbrot. Und für Brot-Zeiten: Glück ist, sein Brot mit Menschen zu teilen und zu essen, für die es Genuss genug ist, Brot oder Butterbrot mit Dir zu teilen. Sie halten auch zu Dir, wenn es keinen Schinken und keinen Speck dazu gibt. Und nicht einmal Butter. Und mit solchen Menschen teile ich Brot, Butter und Schinken dann doppelt gern. Es sind – wenig überraschend – meist diejenigen, mit denen man nicht nur gut reden, sondern auch gut zusammen das Maul halten kann.

😉

Bis zur nächsten Brot-Zeit?

3 comments

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